Lebensoase im Westerwald

Der Aussteiger Frietmund Sonnemann lebt mit seiner kleinen Familie völlig abgeschieden in einer Waldlichtung im Westerwald. Ohne Strom, flieflendes Wasser und Telefon hat er sich dem bürgerlichen Leben in der Stadt abgekehrt.

Diese Reportage ist ein Beispiel für eine "schnelle Geschichte". Meine Autorenkollegin Lena Gorelik und ich hatten nur einen knappen halben Tag Zeit dafür. Unser Protagonist Friedmunt Sonnemann lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in einer Waldlichtung im Hunsrück. Ohne Strom, ohne fliessendes Wasser. Wir wollen ein authentisches Porträt zeichnen von einem Mann, der ein Leben führt wie vor hundert Jahren.

Wir können Sonnemann schnell davon überzeugen, dass wir aufrichtig an ihm und seiner Lebenswelt interessiert sind und uns nicht etwa über ihn lustig machen wollen. Was bewegt jemanden, mit seiner Familie ohne jeden Luxus, ohne jeden Komfort zu leben? Wie sieht der Alltag aus? Was für ein Mensch ist das, dieser Jesus-Typ mit dem merkwürdig passenden Namen: Friedmunt Sonnemann?

Es ist Spätherbst und das Tageslicht nimmt schnell ab. Also lassen wir uns zunächst schnell sein Zuhause zeigen. Während der kurzen Führung entsteht ein erstes Porträt im Garten mit seinem Haus im Hintergrund: Sonnemann hält seine Katze im Arm und ist ganz bei sich. Spontan fotografiert mit offener Blende, knapper Tiefenschärfe und flauem Tageslicht.

Während Lena ihn interviewt, fotografiere ich das Haus von innen und entdecke Tochter Wanda wie sie von der Schule heim kommt. Ich beobachte ihn beim Arbeiten, dem Herausreiben von Pflanzensamen aus getrockneten Pflanzen, später beim Kochen und Mittagessen mit seiner Tochter. Schliesslich haben wir noch Gelegenheit die ganze Familie beim Abendbrot zu fotografieren.

Alle Versuche, die Kerzenlicht-Stimmung durch indirektes Blitzen aufzuhellen scheitern. Es ist so dunkel, dass selbst die geringste Blitzleistung die magische Athmosphäre an diesem Abend zerstört. Es bleibt nur eine Langzeitbelichtung vom Stativ - die Bewegungsunschärfe nehme ich in Kauf.

Wie es den Sonnemanns heute geht, weiss ich nicht. Ich habe keinen Kontakt mehr zu ihnen. Um so dankbarer bin ich für die Chance, ein klein wenig am Leben dieser Idealisten Teil gehabt zu haben. Es sind wertvolle Begegnungen wie diese, die mich zum Nachdenken bewegen und die mir helfen, meinen eigenen Lebensstil einzuordnen.

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